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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Metallspürhunde

Manchmal spielt einem der Zufall in die Hände. Ich meine, daß ich die Metallspürhunde mal zum Interview bitten wollte, stand für mich schon lange fest, aber erst kurz bevor ich mich endlich dran setzen wollte, einen Email-Fragenkatalog zusammenzustellen, fiel mir auf: Die spielen ja bald im Cage Club in Bottrop.
Also mit der Marion dort verabredet, am Tag des Geschehens unser Blutengelchen ins Gepäck gepackt, und schon ab zum persönlichen Gespräch. Nach einem wundervollen Konzert und einigen sehr leckeren Bierchen, trafen sich Marion, Michel, Britta und ich im Backstage-Raum, um zwischen allerlei Stühlen ein Gespräch über Frank Wedekind, Amokläufer und das Schweizer Rote Kreuz zu führen. Wie das zusammenpasst? Ich weiß es nicht, aber: Isch cool. *gg*

Otti:
Ich habe euch das erste Mal auf einem Konzert vor fast einem Jahr gesehen, das war damals als Vorband von "Das Ich". Ihr seid auch beim Label "Danse Macabre" von Bruno Kramm, und scheint gut mit dieser Band befreundet zu sein. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Marion:
Also kennengelernt haben wir Bruno und "Das Ich" bei einem Festival in Rumänien, wo wir vor ein paar Jahren gespielt haben. Das war purer Zufall irgendwie. Da waren wir dann ein paar Tage zusammen im Bus und haben uns einfach angefreundet, haben gemerkt wir sind auf einer Wellenlänge, die Chemie stimmte. Damals war aber das Label noch kein Thema, zu der Zeit war "Danse Macabre" inaktiv. Vor zwei Jahren haben wir dann beim Zillo-Festival bei dem Newcomer-Contest gewonnen, da hat Bruno uns angesprochen, er habe sein Label wieder neu auferstehen lassen, und er würde uns gern signen.
Daraus ergab sich dann immer mehr Kontakt, es wurde immer enger, und er ist wirklich unser Label-Papa... in Reinkultur.


"Wir sind immer noch am Suchen... Was spielen wir eigentlich für Musik?"

Otti:
Bei uns heißt er ja auch intern der "Erklär-Bär"...
Marion:
Erklär-Bär?!
Otti:
Ja, durch die Art wie er halt beim Interview so da saß... und erklärt hat!
Marion:
Ja genau, das stimmt! Das passt!

Otti:
Der Titel euerer CD, Amokmensch, weckt in mir unweigerlich Assoziationen zu den immer wieder auftretenden Amokläufen an Schulen. Was denkt ihr über dieses Phänomen? Und was würdet ihr den Tätern und den Opfern gerne sagen?
Michel:
Pfff, das ist natürlich ein schweres Thema. Klar, das Album hat natürlich eine gewisse Assoziation zu diesen Amokläufen, an sich ist das aber eher allgemein gedacht. "Amok" gibt es in allen Schichten, in allen Kulturen. Der Mensch läuft regelmäßig Amok. Sei es in der Liebe, sei es in der Arbeit, das muß auch nicht mit Gewalt zusammenhängen. Einen gewissen Amokläufer birgt halt jeder in sich.
Marion:
Der Titel vom Album ist auch ein bisschen symbolisch gemeint. Der Amokmensch in uns, also deine Gefühle die Amok laufen, auch die Natur die Amok läuft. Das ist ein Symbol für alles, was aus dem Ruder läuft.
Michel:
Und was soll man diesen Jungs für einen Tipp geben, die sowas machen? Man sieht einfach, daß die Gesellschaft krankt, daß etwas schief läuft in unserer Gesellschaft, daß Menschen vernachlässigt werden. Das Geld steht im Vordergrund, und irgendwo danach kommt erst der Mensch an sich. Dadurch gibt es unweigerlich "Verlierer". Das müßte aber nicht sein. Ich denke, es wäre möglich, solchen Leuten zu helfen, zu verhindern daß es soweit kommt, so etwas passiert.
Das ist ein riesiges Problem in unserer Gesellschaft, es wird viel zu lange nichts getan, und daraus resultieren solche Sachen dann.
Otti:
Also denkt ihr, das ist eher ein solziales Problem, als krankhaftes Verhalten?
Marion:
Ja, ich denk schon. Ich meine, das ist schwierig das zu beantworten, auch wenn es toll wäre, wenn wir das könnten. Die Experten streiten sich ja auch darüber. Aber ich würd sagen, das ist schon ein soziologisches Problem, keine Spinnerei von einzelnen Leuten. Warum das so ist, da ist man wie gesagt noch zu keinem Ergebnis gekommen, aber meiner Ansicht nach wird dem Individuum einfach zu wenig Wertschätzung entgegen gebracht, es geht um Leistung. Wir leben eben im "Maschinenstaat".
Michel:
Die Familie in dem Sinn gibt es ja auch nicht mehr, so wie es sie früher gab.
Marion:
Ja, diese "Fangnetze" gibt's irgendwie nicht mehr.
Michel:
Früher hat es eben die Familie gegeben, da hat man sich mit Mann, Frau und den zwei Kindern am Mittagstisch getroffen. Diese Strukturen zerfallen einfach. Heute haben die Eltern diese Zeit meist gar nicht mehr. Sie müssen Geld verdienen, um was erreichen zu können, und dadurch fehlt die Zeit für die Kinder. Das ist es halt, was da passiert ist, ein Spiegel der Gesellschaft.

Otti:
Ihr bezeichnet euere Musik ja gerne als "Elektro-Metal". Auf der anderen Seite betont ihr aber auch immer wieder in Interviews, daß euere Musik nichts mit dem eigentlichen "Metal" zu tun hat. Wo würdet ihr die Grenzen ziehen, und was hat euch am Metal inspiriert? Gewisse Parallelen merkt man ja doch.
Michel:
Der Heavy Metal hat sicher auch Einfluß auf unsere Musik, klar, zum Beispiel verwenden wir auch harte Gitarrenriffs. Es gibt sicher einige Bands die mir da gefallen haben, und wo ich mir dachte, ich würde gerne Musik in dieser Richtung machen. Das geht zurück bis in die 80er, Zum Beispiel die Krupps haben mir da sehr imponiert. Diese Vermischung von elektronischer Musik mit Metal-Elementen finde ich halt sehr interessant. Das ist ein breites feld in dem man sich austoben kann. Auf der anderen Seite möchte ich mich aber auch nicht wirklich festlegen. Wenn uns jemand fragt, was spielt ihr für eine Musikrichtung, dann sagen wir vielleicht "Elektro-Metal", aber wir tun uns damit schwer, sind damit nicht so ganz glücklich. Wir sind immer noch am Suchen... Was spielen wir eigentlich für Musik?
Otti:
Ihr seid eigentlich sehr eigenständig.
Marion:
Ich hoffe das, ja. Für uns ist das, wenn man mitten drin ist, um so schwieriger das zu benennen. Da verläßt man sich auf die Etiketten die einem andere geben.
Michel:
Ja, man ist selber mittendrin, schreibt die Musik, und das Ganze läuft halt. Da macht man sich selbst gar kein Gedanken darüber, wie das klingen soll. Der Sound ergibt sich dann einfach, und irgendjemand hat das dann "Elektro-Metal" genannt. Da hab ich mir gedacht: Ja doch, das klingt interessant!
Marion:
Wir haben das schon auch in unserer eigenen Band-Bio drin stehen. Es ist also nicht so, daß wir es nicht auch selber sagen, aber es ist mehr von anderen an uns heran getragen worden, und das ist okay. Dann nennen wir das halt so.
Michel:
Ich denke damit läßt sich leben, hehe.

Otti:
Was ich eh interessant finde: Man merkt, ihr wurdet inspiriert von vielen Stilen. Sei es eben Metal, sei es Industrial, EBM, auch ein wenig Dark Wave, aber ihr seid doch ziemlich eigen. Ihr habt eueren eigenen Stil entwickelt, und was mich interessieren würde, ist: Wie erklärt ihr euch, daß die Musik nie ausgeschöpft ist, daß man immer wieder neue Sachen findet, neue Stile erfindet?
Marion:
Also ich bin mir nicht sicher ob man wirklich noch neue Stile erfinden kann. Wir sprechen öfter darüber, kann man Musik neu erfinden, kann man da was Neues reinbringen. Und wir denken eher nicht aber was sicher ist, ist daß die Kombinationsmöglichkeiten unendlich sind. Sei es vom Text, und was für eine Art zu singen habe ich, auch der musikalische Stil den ich habe, diese Kombinationen sind eben unendlich.
Otti:
Auch die ganzen Instrumente die man zur Verfügung hat.
Marion:
Zum Beispiel. Da kann man viel neues probieren, neu erfinden kann man das nicht.
Michel:
Das ist sicher auch eine Frage der Kreativität, mit der ich daran gehe. Ich kenne Leute, die ne Band haben, sich dann ne CD von ihrer Lieblingsband genommen haben und meinten: Genau so muss es klingen. So habe ich nie gedacht. Es gibt viele Bands, die ich super finde,und wo ich mich auch inspirieren lasse.
Otti:
Was für welche?
Michel:
Ich bin in den 80ern groß geworden, meine Teenie-Zeit war in den 80ern. Wie schon gesagt waren das "Die Krupps", ich bin ein Fan der ersten Stunde. Die waren für mich extrem innovativ, was die aufgezogen haben. Anfang der 80er war das auch Punk, und dann die elektronische Musik hat mich inspiriert und beeindruckt. Da war auch "DAF" - Deutsch-Amerikanische Freundschaft, oder Depeche Mode. Gerade diese eletkronischen Bands haben mich geprägt, mich dazu bewogen selber Musik zu machen. Ich wollte einfach von allen Bands ein bißchen nehmen, damit experimentieren, und am Schluß ist da irgendwie Musik rausgekommen.
Und wenn Du jetzt sagtst, das ist eigenständig, dann ist das natürlich das größte Lob für mich, was es gibt. Da merke ich schon, ich bin auf dem richtigen Weg.

Otti:
Ihr seid ja nun eine Schweizer Band, und in letzter Zeit habe ich auch einige andere schöne Sachen aus euerem Land gehört. Lange Zeit war es musikalisch in der Schweiz aber relativ ruhig, mittlerweile kann man aber sagen, die Innovation kommt aus dieser Region. Habt ihr da auch eine Erklärung für?
Michel:
Das ist schwer zu sagen. In den 80ern war es genauso, da gab es auch viele innovative Geschichten aus der Schweiz. The Young Gods...
Marion:
...Grauzone...
Michel:
...Yello. Solche Bands haben wirklich Pionierarbeit geleistet. Die Schweiz ist natürlich relativ überschaubar, klein, in die verschiedenen Sprachen noch aufgeteilt, da ist das natürlich ziemlich übersichtlich. Was für Bands haben wir im Moment aus der Schweiz?
Marion:
Im Moment? Undergod...
Ich überleg grad wer ein bißchen bekannter sein könnte. Jesus and the Gurus?
Michel:
Cell Division.
Marion:
Oder der Eremit. Wobei der hat sich gerade aufgelöst, aber der war immer eine feste Größe.
Otti:
Der hat sich aufgelöst?
Marion:
Ja.
Michel:
Zumindest auf Eis gelegt. Ja aber in der Schweiz ist es so, man kennt sich halt. Es ist einfach sich untereinander zu kennen. Wie schon gesagt, es ist überschaubar, die Schweizer helfen sich untereinander, ist schon cool. Da heissts dann: "Hey wir machen ein Konzert, habt ihr nicht Bock zukommen und auch zu spielen?"
Marion:
Das ist auch regional total unabhängig, es ist egal, wenn wir jetzt aus Zürich kommen, ob wir in Basel spielen, oder in Bern, das wird einfach dann gemacht. Wann und wo ist egal, Hauptsache miteinander. Und weil es so klein ist ist auch alles... nah.
Michel:
Für uns Schweizer ist es so, wir haben einen gewissen Exoten-Bonus, aber man hat auch Mühe ernst genommen zu werden, vor allem aus der Schweiz selbst. Die Leute denken immer, ah ja die Schweizer sind so ein Völkchen, machen seltsame Musik.
Marion:
Und dann sprechen sie auch noch mit so einem komi(s)chen Akzent. Und dann wird einem das noch vorgeworfen am Ende! *lach*
Michel:
Käse, Jodeln, Schokolade... Und dann kommt auf einmal was "Schwarzes" aus der Schweiz. Da sind viele fast überfordert mit. ;)
Da braucht es erst eine gewisse Überzeugungsarbeit. Man braucht länger um ernst genommen zu werden, als zum Beispiel eine einheimische Band aus Deutschland, oder den USA, Holland, Belgien... Die Tradition ist nicht so verwurzelt in der Schweiz, wie in den anderen Ländern.

Otti:
Das bringt mich auch zu einem Thema, das ich eigentlich später ansprechen wollte. Und zwar, wie würdet ihr die schweizer Gothic-Szene im Vergleich zur deutschen beschreiben? Ich meine, ihr habt ja viele Fans in Deutschland,und in der Schweiz erst recht...
Marion:
Das mit dem "erst recht", naja, das ist auch erst seit einiger Zeit so. In der Schweiz besteht ein ungeschriebenes Gesetz, man muß erst im Ausland ein bißchen Erfolg gehabt haben, damit die Schweizer Fans auf einen aufmerksam werden. Vorher wurden wir dort eigentlich nicht groß beachtet.
Michel:
Wir haben tatsächlich einen Umweg übers Ausland gemacht, erst dann nehmen einen die Fans in der Schweiz wirklich wahr, und vor allen Dingen auch ernst.
Marion:
Wir waren auch nie diese "Lokalmatadore", die dann gleich immer so eine riesige Clique im Anhang haben. Wir waren eigentlich immer alleine unterwegs, mit vielleicht 2-3 Freunden im Anhang. Da hieß es nie "Hey, unsere Freunde die Metallspürhunde spielen, kommt alle!", sondern wir waren immer eher unabhängig. Was natürlich auch wieder gut ist, wir haben das alles alleine geschafft, ohne große Unterstützung, die Fans sind "freiwillig" zu uns gekommen. ;)
Michel:
Die schwarze Szene in der Schweiz ist auch ziemlich lebendig. Das konzentriert sich vor allem in der deutschsprachigen Schweiz auf Zürich. Das ist die größte Stadt, kulturell läuft dort am meisten. Da hast Du wirklich jedes Wochenende ein breites Angebot, Partys, Konzerte und so weiter. Dann gibt es natürlich auch die französische Schweiz, die haben wieder fast eine eigene Szene. Das überschneidet sich wiederum recht selten eigentlich.
Marion:
Es ist seltsam. Das Land ist so klein, und dann macht man doch so unsichtbare Grenzen, überschreitet die kaum. Mit denen haben wir irgendwie gar nix zu tun. Bei Bern ist die Grenze, weiter sind wir bisher auch noch nicht gekommen.
Michel:
Lausanne, Genf ist da die Szene, im deutschen Bereich ist's halt Zürich.
Marion:
Es ist halt die Sprache, die da viel ausmacht.
Otti:
Das heißt dann aber auch, daß ihr zum Beispiel in Frankreich als Band gar keine Chance habt, oder?
Marion:
Ja, das haben wir zunächst auch gedacht. Letztes Jahr haben wir allerdings zweimal in Frankreich spielen können, und es war jedesmal ein Riesen-Erfolg, es war super! Und wir sind jetzt was am organisieren für Paris, die wollen unbedingt, daß wir wiederkommen!
Michel:
Wir haben halt letztes Jahr auf einem Festival in der Nähe von Paris gespielt, das war unser erster Auftritt überhaupt in Frankreich. Und wir waren auch erst ein bißchen skeptisch, wir singen deutsch, kommen aus der Schweiz, und spielen dann in Frankreich, das war für uns schon komisch. Aber die Franzosen waren begeistert, es kam eine überwältigende Reaktion nach dem Konzert! Ich kann mir bis heute nicht erklären warum, ich begreif das nicht wirklich.
Zu der Zeit haben wir auch mal in Rom gespielt, da war es auch toll, aber gerade aus Frankreich kommt zur Zeit eine große Resonanz lustigerweise. Warum, ich weiß es nicht. Aber isch cool! ;)

Otti:
"Isch cool, man!"
(*gg*)
Ähm... lassen wir das.
Kommen wir mal zu eueren Texten. Wer schreibt die von euch?
Marion:
Also beim letzten Album war eigentlich fast alles von mir. Und beim Kommenden werden die Texte wohl auch alle wieder von mir stammen. Irgendwie hat sich das so eingependelt.
Michel:
Das ist unsere Arbeitsaufteilung.
Otti:
Ich hab gemerkt, die Texte sind ziemlich metaphorisch, und auch sehr lyrisch angehaucht. Also schon eher in Gedichtform, als wirklich klare Aussagen.


v.l.n.r.: Michel, Otti, Marion, Britta

Marion:
Find ich schwierig zu sagen. Also bei einigen Texten hatte ich den Eindruck, das ist schon sehr plakativ, sehr deutlich, sollte ich das nicht etwas lyrischer verpacken? Aber dann verstehts wenigstens jeder. So denke ich zumindest, aber dann kommen Leute und meinen: "Ich hab da dies oder das rausgehört!" Da frag ich mich dann, ob das gar nicht so klar war, was ich sagen wollte, ich dachte dabei doch eigentlich an was ganz anderes. ;)
Das gefällt mir aber auch, ich überleg mir gar nicht viel wie ich etwas schreibe, ich mach das, und um so cooler wenn da verschiedene Leute auch verschiedene Sachen raushören. Ich find das irgendwie ganz spannend, wenn die Musik dann auch anfängt zu leben.
Otti:
Das ist natürlich auch der Vorteil an solcher Musik, daß man viel Interpretationsspielraum hat. Aber was inspiriert dich überhaupt zu deinen Texten?
Marion:
*überleg*
Michel:
Alles. Also im Prinzip kann dich dieser staubige Stuhl da inspirieren.
Marion:
Also gerade beim letzten Album waren es vor allem ein paar Themen, die mir immer schon auf dem Herzen gelegen haben. Das können zum Beispiel gesellschaftspolitische Themen sein. Ich denke, wenn man genauer hinschaut, dann sind es bei uns weniger zwischenmenschliche Angelegenheiten, weniger Herzschmerz, sondern mehr allgemeingültige Dinge.
Otti:
Naja, so Sachen wie "Cupido" sind dann aber doch schon relativ emotional.
Marion:
Das ist wohl eher ein spezieller Song, weil da wollte ich einfach mal die männliche Seite in mir ausleben. Aus der Sicht eines Mannes gesprochen, verarbeite ich da die Gewalt und Agressivität, die ich vielleicht im Alltag nicht so ausleben kann. Ich bin eigentlich eher zurückhaltend, auch wenn das jetzt vielleicht nicht so wirkt. Da ist die Musik dann mein Mittel, meine Fantasien auszulassen.
Otti:
Wie gesagt, ich finde euere Texte wirklich sehr metaphorisch, habt ihr da nicht auch Angst, daß das beim Publikum nicht so ankommt?
Marion:
Nö.
Otti:
Ich meine jetzt eher die sozialkritischen Themen.
Marion:
Nein, ich mache mir da eigentlich keine Sorgen mehr, weil ich eben gemerkt habe, daß man vielleicht mit einem Ziel an einen Text ran geht, was man rüberbringen möchte, aber die Leute nehmen das auf ihre Art wahr, auf allen möglichen Ebenen. Für manche drückt es eher ihre Gefühle aus, aber das finde ich auch super! Man kann die Texte für sich gültig machen, von daher brauche ich nie Angst zu haben, ob irgendwas nicht ankommt. Das kommt beim Hörer sowieso nie so an, wie ich es ursprünglich gesehen habe, jeder macht daraus was er will.
Otti:
Ganz primitiv ausgedrückt ist das doch im Endeffekt dann Kunst. Kunst ist eben immer Interpretationssache.
Marion:
Ja genau, ist es im Prinzip. Soll es ja auch sein.
Michel:
Man übergibt dem Hörer das Thema, und daraus machen was er will, und man ist gespannt was er dazu sagt.

Otti:
Kommen wir nun mal zu einem speziellen Lied, welches mich beonders inspiriert hat, und zwar geht es um "Frühlingserwachen". Das Lied handelt von falscher Moral, deutet aber in meiner Interpretation auch das Thema "Mißbrauch" an.
Marion:
Es freut mich total, daß Du diesen Song ansprichst, weil bisher wurde der immer ein bißchen übergangen!
Also ganz konkret geht es um die Erzählung "Frühlingserwachen" von Frank Wedekind. Das hat mich extrem beeindruckt, ich hab es in der Schule schon gern gelesen. Die Geschichte handelt von einem Teenager-Drama, und die Mutter Schmidt, die eben auch im Song vorkommt, war da die Frau die eine Abtreibung durchführen muß. Das Mädchen in der Story, sie ist 15 Jahre alt, wird unwissentlich Schwanger, und das ließ die Gesellschaftsordnung nicht zu. Um Himmels Willen! Da muß dann diese Pfuscherin kommen, die Mutter Schmidt kommt, und das Mädchen hat keine Ahnung was passiert, was diese Mutter Schmidt mit ihr macht, und das Mädchen geht dann drauf weil das nichts als eine Kurpfuscherin war.
Der ganze Song ist, genau wie die Geschichte, ein Symbol für dieses Korsett in dem wir stecken, gesellschaftliche Konventionen, anstatt einfach seine Gefühle leben zu lassen.
Otti:
Das Grundproblem in der Gesellschaft ist ja auch miner Meinung nach folgendes: Mißbrauch, Triebtäter, das alles resultiert einfach daraus, daß man einfach falsche Bilder, falsche Lügen über die Sexualität verbreitet. Zum Beispiel daß Menschen denken, sie seien unnormal, wenn sie bestimmte Fantasien haben. Wie seht ihr das?
Michel:
Das ist bestimmt so in unserer Gesellschaft. Das sind christliche Werte halt, die uns von Kindsbeinen auf eingepflanzt wurden. Verbote, Normen, das steckt in unseren Köpfen.
Marion:
Eben Triebe, Gefühle... Es gibt keinen Raum um die auszuleben, man versucht sie zu unterdrücken. Irgendwann geht das halt nicht mehr, und dann passiert ein Unglück.
Otti:
Das ist sicher auch eher ein "männliches" Problem, daß man immernoch als der starke, harte Kern gesehen wird, und wenn man(n) Gefühle zeigt gilt man als Weichei.
Michel:
Ja, das sind eben diese komischen "Gesetze" in unserer Gesellschaft.

Otti:
Auf euerer Homepage habe ich gelesen, daß ihr auch diverse Musikerwechsel in der Vergangenheit hattet.
Michel:
Ja, zwei Stück. Ich habe die Band damals mit zwei Kumpels von mir gegründet, das war irgendwann Mitte der 90er. Das waren noch nicht die Metallspürhunde, sondern eher ein Studio-Keller-Projekt, wir haben uns zusammengetan, und ein bißchen elektronische Musik gemacht. Angefangen hat das bei mir schon eher, aber wir haben uns getroffen, und das wurde automatisch etwas ernster, wir haben ziemlich viel Zeit investiert. Aber man "häutet" sich in gewissen Abständen, die beiden gingen halt weg, weil es aus verschiedenen Gründen nicht mehr passte, vor allem aus zeitlichen Gründen.
Da kamen dann neue dazu, Patrick an der Gitarre, der war zunächst Produzent vom ersten Album. Wir hatten nen Studiogitaristen, der ist dann abgesprungen, und dann hat Patrick das halt übernommen. Es ging automatisch, da haben sich passende Teile zusammengefunden, und die Konstellation, in der wir jetzt sind, das ist einfach perfekt.
Otti:
Was ist daran perfekt?
Michel:
Das sind einfach vier teile, die jetzt zu 100% ein Bild geben. Zum Beispiel Marion schreibt die Texte, weil wir gemerkt haben, sie ist sehr stark darin. Ich schreibe zum größten Teil die Musik, geb das Grundgerüst dann weiter an Thomas und Patrick, und die kleiden das dann aus. Das funktioniert einfach. Ich kann gar nicht genau sagen warum, ich würde schon fast sagen, es ist was magisches.
Marion:
Ich finde es auch wichtig, daß sich niemand irgendwie in den Vordergrund drängen will, jeder kennts eine Rolle, findet sich darin zurecht und ergänzt die anderen. Wir verstehen uns halt alle sehr gut, ticken irgendwie ähnlich.
Otti:
Ihr seid also auch privat befreundet?
Marion:
Ja, wir unternehmen auch gerne mal was zusammen, auf jeden Fall!

Otti:
Nächstes Thema: Was war die größte Katastrophe in euerer musikalischen Laufbahn?
Michel:
Wenn das auf Konzerte anspricht, klar, bei uns ist vieles elektronisch, wir sind abhängig von der Elektronik, und da kann es auch mal sein, daß irgendein Teil aussteigt. Das ist schon eine mittelschwere Katastrophe, ist uns letztens noch passiert. Unser Recorder, von dem die Spuren kommen die wir nicht live spielen, die Drums zum Beispiel, ist ausgefallen. Es war wohl zu heiß, eine Lampe stand direkt darauf, und dann schwupp, springt der aus, du bist mitten im Song, und denkst dir, irgendwas fehlt doch? Ja, das sind so kleine Katastrophen, aber zum Glück hat das dann nach ein paar Anläufen wieder funktioniert. aber die großen Katastrophen gab es bisher nicht. Es kommt auch immer darauf an, wie man an das Ganze rangeht. Wenn ich jetzt sage: Ich mach Musik, und ich will leben davon, ich will damit Geld verdienen, ich inverstiere meine ganzen Ersparnisse, und dann geht das den Bach runter, sowas wäre natürlich eine Katastrophe. Aber so sind wir von Anfang an nie daran gegangen. Wir wissen, es ist schwer, mit Musik Geld zu verdienen, und vor allen Dingen, davon zuleben. Wir haben alle unsere Jobs nebenbei. Wir gehen das Schritt für Schritt, fast behutsam, an, da ist sicher auch so eine schweizer Eigenart. Die Politik der kleinen Schritte, immer in Bewegung, aber langsam. ;)
Otti:
Was ja vielleicht gar nicht verkehrt ist.
Michel:
Auf eine Art, genau. Naja, und dadurch haben wir sicher die eine oder andere Katastrophe umschiffen können, letztendlich.

Otti:
Gut, kommen wir mal zu einem gesellschaftlichen Thema, was viele Leute derzeit interessiert. Gesprächsthema Nummer eins in den Medien ist ja zur Zeit der Klimawandel und die Erderwärmung. Was würdet ihr den Menschen sagen, die noch immer nicht gemerkt haben, wie akut dieses Thema ist? Und glaubt ihr, daß die Menschheit noch die Kurve kriegt?
Marion:
Also ich bin da pessimistisch. Ich hoffe sehr, aber ehrlich gesagt glaub ich nicht dran. Ich denke, es muß erst noch eine ganz große Katastrophe passieren, bevor ein Umdenken stattfindet. So lange halt der schnöde Mammon die Welt regiert, wird da nichts passieren. Dazu sind zuviele Interessen im Spiel.
Otti:
Gut, aber manche Interessen, ihr könnt das sicher nachvollziehen als Schweizer... Der Tourismus in der Schweiz, wenn die Skigebiete verloren gehen, dürfte sicher auch stark zurückgehen. Da müßten ein paar Menschen doch auch mal drüber nachdenken?
Marion:
Ich glaub, vorher denken die sich einfach was neues aus. Dann werden halt die Skilifte abgebaut, und irgendwelche Wasserrutschen angebracht oder so.
Michel:
Also was ich positiv finde ist, daß man zumindest schonmal wieder drüber redet. Das ist ein großer Schritt. Es wird ernst genommen. Vor ein paar Jahren hieß es ja noch, das sei eine abstruse Theorie von ein paar Wissenschaftlern, im Prinzip sei das gar nicht so schlimm. Aber gerade in den letzten Monaten ist dann doch das Interesse gestiegen massiv gestiegen an diesem Thema, auch aus einer gewissen Angst heraus. Es hat sich etwas in Bewegung gesetzt.
Marion:
Ich bin da dennoch pessimistisch. Ich hab das Gefühl das flaut schon wieder ab. Viele Leute nehmen es immernoch nicht ernst, nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. Ich leb ja sowieso nicht mehr so lange.
Otti:
Das ist auch so ein Problem unserer Gesellschaft: Viele denken, mich betrifft es nicht so besonders, und was meine Kinder angeht ist mir das schon relativ egal.
Michel:
Das Gärtchen-Denken halt. Es ist schwer, da eine universelle Lösung parat zu haben.
Marion:
Dazu ist der Mensch einfach zu egoistisch.
Michel:
Es braucht da wenn eine Massenbewegung, damit auch effektiv was getan wird, dazu muss wohl erst was großes passieren.
Otti:
Die letzte Massenbewegung gab es ja leider in den 60er Jahren...

Otti:
Wo ich schonmal Schweizer hier habe, kommen wir doch zu diesem schönen Land allgemein. Die Schweiz sieht sich ja als außenpolitisch neutral an, hält sich aus Kriegen raus, und ist auch kein Teil der EU. Ist das in euerem Sinne, oder würdet ihr es bevorzugen, wenn die Schweiz sich in der Globalisierung, gerade auch in der sozialen Globalisierung, mehr einbringen würde?
Marion:
Also die Schweiz ist natürlich bekannt dafür, daß sie sich sozial engagiert. Sie ist seit je her bekannt für die humanitäre Hilfestellung im allgemeinen.
Michel:
Das Schweizer "Rote Kreuz" zum Beispiel.
Marion:
Sie ist somit auch in Kriegsgebieten immer vor Ort. Ansonsten bin ich immer etwas hin und her gerissen, was diese Neutralität betrifft. Weil wenn ich so seh, wer sich da alles beteiligt, wer da mitmacht in der EU, dann find ich das ehrlich gesagt auch nicht sooo toll. Ich meine, uns gehts gut in der Schweiz, das läßt sich nicht wegdiskutieren... Eben eine schwierige Frage!
Michel:
Es ist ein ständiges Thema bei uns in der Schweiz, ob wir der EU irgendwann mal beitreten. Ich denke, früher oder später wird das passieren. Aber derzeit geht es uns wirtschaftlich gut, und deswegen ist das ein Thema, das bei uns nicht so Ernst genommen wird. Da kommen dann Länder wie Rumänien, oder Bulgarien, oder vielleicht auch noch die Türkei dazu, und da denkt der Schweizer sich: Ach komm, laß die mal machen, wir kommen dann, wenn die Probleme gelöst sind.
Neutralität... naja, die Schweiz mischt schon im Hintergrund viel mit.
Marion:
Wir sind einfach auch zu unbedeutend, das muß man einfach auch mal sehen. Selbst wenn wir dabei wären, unsere Stimme zählt nicht so wahnsinnig viel, da haben unsere Politiker auch sicher resigniert. Wir können eh nicht viel bewegen.
Michel:
Die Angst beim Schweizer ist halt auch: Schweiz = reiches Land. Hat im Endeffekt nicht viel zu sagen, aber alle wollen das Geld. Das ist so die Angst, die natürlich auch von gewissen Parteien geschürt wird: Wenn ihr in der EU seid, dann müßt ihr viele Milliarden abtreten, aber umgekehrt bekommen wir nix zurück, weil wir zu klein sind.
Marion:
Nehmt dem Schweizer sein Geld, dann wird sofort eine Mauer gebaut! *lach*
Michel:
Und man muß auch sehen, die Schweiz ist fast so eine kleine EU in sich. Es sind 4 Landessprachen in diesem kleinen Land.
Marion:
24 Kantone, die alle eigenständig sind.
Michel:
Das sind halt auch viele Kulturen, die ständig aufeinander knallen, auch innenpolitisch. Es ist fast wie ein Igel, der Welt gegenüber hat sich die Schweiz eingeigelt.

Otti:
Und damit kommen wir langsam zum Schluß. Was sind für euch die beiden wichtigsten Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte?
(lange Überlegungen folgen ;))
Michel:
Der Einstein war mal kurz Schweizer!
Marion:
Vielleicht die Typen die den Rütli-Schwur gesprochen haben?
Michel:
Oder der Reformator Zwingli?
Marion:
Also es ist für mich jetzt ziemlich schwierig, zu sagen, wer da in grauer Vorzeit bedeutungsschwanger war.
Michel:
Sicher das Schweizer Rote Kreuz, das ist so eine Sache.
Marion:
Auf jeden Fall, das würde ich auf die Nummer 1 setzen. Das ist was bis heute wirkt, mit humanitärer Hilfe, der Hauptsitz in Genf.
Marion:
Ich tu mich schwer mit Bestenlisten, das kann ich irgendwie gar nicht. ;)

Otti:
Wollt ihr sonst noch irgendwas loswerden an unsere Leser? Jetzt ist die Zeit, ansonsten ist's vorbei. *gg*
Marion:
Huch! ^^ Wir bedanken uns herzlich für das Interview, und auch dafür daß sich jemand für uns interessiert, für die Aufmerksamkeit und daß ihr uns unterstützt!
Michel:
Uns macht es riesen Spaß Musik zu machen, auch in kleinen Clubs wie heute.
Marion:
Möchten das bitte weitermachen!
Michel:
Und wenn nur ein paar Leute tanzen zu unserer Musik sind wir schon happy! Das ist das wichtigste. Wenn natürlich CDs von uns gekauft werden, dann hilft das weiterzumachen. ;)
Und ich bedanke mich natürlich auch ganz herzlich!

Art des Interviews: face2face
03.02.2007 by Otti

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