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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Letzte Instanz

Anderthalb Jahre journalistische Tätigkeit, und erst mein zweites Telefoninterview... Das hat natürlich seine Gründe. Irgendwie bin ich damit noch nicht so ganz warm geworden. Ich telefoniere zwar gerne, und ich liebe es Interviews zu führen, aber es ist schon komisch: Da sitzt man in seinem Kämmerlein, wartet auf einen Anruf, und wenn es dann klingelt, muss man sich miteinem nahezu wildfremden Menschen auseinandersetzen. An sich nichtweiter schlimm, aber im Gegensatz zum persönlichen Interview hat man weder Gestik, noch Mimik, noch sonstige Anhaltspunkte, an denen man ermessen kann, ob das gegenüber sich gerade wohl fühlt, oder eigentlich nur genervt ist. Lediglich die Stimme gibt Zeichen, die man dann deuten darf.
Aber was interessiert euch das? Für euch zählt ja eh nur das Ergebnis, gebtes zu. ;) Zum Glück hatte ich mit Holly D von "Letzte Instanz" mal wieder einen tollen, aufgeschlossenen, und gesprächigen Interviewpartner, wodurch sich sämtliche Gedanken über das "warum und wieso" für mich erübrigt, beziehungsweise auf viel interessantere Themen verlagert hat.
Frisch von der Tour erzählt uns Holly D passenderweise, was es heißt, nach Hause zu kommen, und warum das wahre "Gold" in unseren Herzen glänzt.

Otti:
Der Großteil der "Ihr seid Gold Tour" ist ja nun vorüber.
Holly D:
Ja.
Otti:
Fällt man da nicht in ein tiefes Loch, so kurz nach Wochen voller Reisen und berauschender Feste?
Holly D:
Naja, das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite haben wir jetzt zwölf Tage am Stück durchgespielt, jeden Abend 2 Stunden... Nach zwölf Tagen ist dann auch mal Schluß, da ist dann erstmal die Kraft am Ende. In sofern tut eine Pause ganz gut. Diesmal war es aber auch eine recht kurze Tour nur, 14 Termine, und das ist fast schon ein bißchen wenig. Wir sind schon fast etwas wehmütig, eigentlich hätten wires lieber so gemacht, 12 Tage spielen, dann ein paar Tage und dann nochmal 12 Tage. Beim nächsten Mal machen wir das auch wieder, diese Tour ist halt kürzer ausgefallen, weil wir ja auch auf vielen Festivals im Sommer spielen.
Nein, kein Loch, eher im Gegenteil. Es war einfach ne schöne Zeit, und jetzt hat jeder halt auch mal ein paar Tage frei und nutzt die auch für sich.
Otti:
Und wie nutzt ihr so die Freizeit?
Holly D:
Naja, wir wohnen ja alle weit voneinander weg, wir sehen uns wirklich nur auf den Touren, da ist das schon sehr Individuell. Ich war jetzt zum Beispiel vier Tage in der sächsischen Schweiz klettern, und so macht jeder sein Ding.


"Wer nicht bereit ist, sich seinen eigenen Problemen zu stellen, wird diese immer auf die Außenwelt projezieren."

Otti:
Du hast grad die Festivals schon erwähnt, wo ihr auch dieses Jahr wieder sehr stark vertreten seid. Was macht für dich den Unterschied aus zwischen Tourauftritten, und denen auf Festivals?
Holly D:
Ein Tourauftritt ist viel intensiver, viel intimer, weil man da näher am Publikum dran ist, weil man einfach ne Spannung von 2 Stunden Konzertprogramm halten muss. Das ist etwas, was eine Menge Kraft und Energie kostet. Man macht sich schon Gedanken, wie man das hinkriegt, daß die Leute 2 Stunden lang mit ihrer Aufmerksamkeit voll da sind. Festivalprogramm ist da viel einfacher. Du spielst da einfach deine Besten Songs, lieferst ne schöne Party ab, unterhältst die Leute gut. Das macht Spaß, ist auch geil, und ist eigentlich vom Partyfaktor noch viel, viel besser für die Band, aber Konzertprogramm, also Vollprogramm, ist wie schon gesagt viel intensiver.
Otti:
Da ist es doch sicher auch ein großer Unterschied, ob man jetzt als Hauptact, wie jetzt bei dieser Tour, oder als Support, wie mit "Schandmaul", spielt, oder?
Holly D:
So eine Support-Geschichte wie mit "Schandmaul", das ist dann eher wie bei einem Festival. Eine Dreiviertelstunde die besten Sachen runterprügeln, das macht riesigen Spaß, aber das ist halt schon was anderes.Ich sags malso, unsere Botschaften, die liegen so gesehen in den etwas ruhigeren und etwas komplizierteren Stücken, und die spielt man dann eben nicht bei solchen Gelegenheiten.

Otti:
Kommen wir mal zu euerem Stil. Musikalisch werdet ihr ja immernoch dem "Mittelalter-Rock" zugeordnet...
Holly D:
Jaaa, was ja im Grunde genommen komplett verkehrt ist. Also das Einzige, was daran stimmt ist "Rock"! Ich stell das immer ganz gerne mal richtig. Ich meine, von der Sache her haben wir ja kein Problem damit, in dieser Schublade zu sein, zumal das ja der, wenn auch nicht immer ganz richtige, Oberbegriff für dieses Genre ist. Aber musikalisch sind wir mit dem Mittelalter gar nicht verhaftet. Auf der CD "Spiel" von 1999 hatten wir drei, vier Mittelalternummern drauf, seitdem haben wir nie wieder irgendwo uns im Mittelalter bedient.
Wenn überhaupt, dann liegen unsere Wurzeln in der modernen Klassik. Wir wollten von Anfang an deutsche Klassik mit moderner Rockmusik kombinieren. Was anderes haben wir eigentlich auch nie gemacht, insofern ist der Mittelalter-Stempel bei "Letzte Instanz" komplett verkehrt. Was wir machen, ist deutschsprachige Rockmusik, benutzen dabei eben auch Streichinstrumente. Und die liegen von ihrer Komposition her einfach in der deutschen Klassik.
Und grad auf Wir sind Gold ist das sehr intensiv. Wir haben das erste Mal alle Songs auf einem Album nur als Streich-Quartett eingespielt. Deswegen ist auch der Streicher-Sound über die gesamte Platte sehr homogen, man hört halt überall wirklich hauptsächlich das Streich-Quartett. 2 Violinen, ne Bratsche und ein Cello. Dieser Wurzel-Verweis ist uns sehr wichtig, das hat eben mit dem Mittelalter wenig zu tun. Dudelsäcke, Tröten und dergleichen wird es bei uns auf der Bühne nie wieder geben.
Otti:
Gerade das hab ich auch gespürt, gerade jetzt bei Wir sind Gold, und auch in vielen Interviews die ich im Vorfeld gelesen hab. Interessant ist aber trotzdem, daß ihr gerade in diesem Bereich noch viele Fans habt.Wie erklärst Du dir das?
Holly D:
Ja natürlich, das ist ja auch eine offene Szene. Wir sind ja auch nicht die Einzigen, die mit diesem Begriff "Mittelalter-Rock" so ein bisserl Probleme haben. Frag mal "Schandmaul"! Die freuen sich da genausowenig drüber.Ich finde sowohl "Schandmaul" als auch wir machen einfach keine Mittelaltermusik. Haben wir nie gemacht, und das werden wir auch nie machen. Aber das Genre heisst halt so.
Otti:
Ihr habt ja auch keine "Spielmannslieder" dabei wie andere Bands dieser Art.
Holly D:
Wie gesagt, auf dem zweiten Album gabs Lieder wie "Rapunzel", "Satyr", "Das Spiel beginnt", da waren sehr wohl solche Elemente drin. Aber nach dem Album haben wir erkannt, das sind einfach nicht unsere Stärken. Unsere Stärken liegen in anderen Bereichen, die liegen im Kompositorischen, die liegen in der Performance, aber nicht darin, sich durch mittelalterliche Harmonien einzuengen.

Otti:
Anderes Thema: Im Laufe der Jahre gab es ja einige Umbestzungen bei euch.
Holly D:
Jede Menge!
Otti:
Wie schwer ist es da, bei einer 7-köpfigen Band die eigene Linie zu bewahren, und ein "Wir"-Gefühl aufrecht zu erhalten?
Holly D:
Was heisst schwierig? Wir haben unsere Linie ja... Im Grunde genommen, haben wir ne Linie gehabt? Ich weiß es gar nicht genau. Unsere Linie war, daß wir uns ständig verändert haben. Unsere Alben sind ja schon sehr unterschiedlich ausgefallen. Erst mit "Ins Licht", 2005 haben wir das Album eingespielt, Frühjahr 2006 kam es dann raus, da hatten wir schon auch das Gefühl, jetzt haben wir mit dieser Band alles durchgemacht. Jetzt haben wir ein neues Line-Up, einen neuen Sänger, einen neuen Bassisten. Nen Gitarristen weniger... Wir wollen jetzt endlich mal mit den neuen Leuten irgendwo ankommen und jetzt sagen: Das ist "Letzte Instanz", das ist die Band! Und nicht ständig neue Leute suchen, ständig umlernen, immer wieder von Vorne anfangen.
Insofern war für uns "Ins Licht" so eine Art "nach Hause kommen", und Wir sind Gold knüpft direkt an "Ins Licht" an. Das war das erste Mal, daß mit exakt der gleichen Besetzung ein zweites Album eingespielt haben, das gabs vorher noch nie, und das nächste Album wird genauso in derselben Besetzung sein.
Man hört das auch. Wir sind Gold ist ja musikalisch nah an "Ins Licht" dran. Klar, wir sind ja dieselben Leute, wir haben jetzt die ganze Zeit zusammen gearbeitet, und wir haben jetzt auch das Gefühl mal angekommen zu sein und sagen zu können: Das ist jetzt "Letzte Instanz".
Otti:
Und das ist denk ich auch recht wichtig für die Band oder? Holly D:
Das ist unglaublich wichtig für die Band, ja.

Otti:
Auf Wir sind Gold springt mir vor allem "Wir sind allein" ins Ohr. Wie wichtig ist es in der modernen Welt, daß ihr als Musiker den Menschen zeigt, sie können immer noch etwas bewegen und verändern?
Holly D:
Also grundsätzlich würde ich uns, und was Popmusik kann, nicht überbewerten. Natürlich haben wir uns dazu entschieden deutsch zu singen und auszusprechen, was wir zu sagen haben. Manche Leute halten das für viel zu intim, viel zu nah, viel zu... unlustig teilweise auch, aber wir haben halt beschlossen, das so zu machen. Und die Aussagen sind uns sehr wichtig. Das merken wir auch bei unseren Fans. Wer mit "Letzte Instanz" etwas anfangen kann, der bleibt auch dabei.
Ich denke dieser "Letzte Instanz"-Kosmos hat schon einen eigenen Stil, eine eigene Ausdrucksform. Die Fans mögen und lieben das, und bleiben uns treu. Andere können damit vielleicht nichts anfangen. Wenn man soviel preis gibt in seinen Texten, dann polarisiert man immer! Die einen mögen das total gerne und fühlen sich verstanden, gefunden und angekommen, andere sagen unter Umständen:"Was ist das denn fürn Quatsch?"
Und "Wir sind allein" ist halt auch so ne Nummer. Da kann man sagen:"Was ist denn das für ein Sozial-Kitsch?" Aber das ist es halt nicht. Für uns ist es eine einfache, aber unglaublich wichtige Weisheit, die der Song rüberbringt. Und ich finde, im Jahre 2007 sind wir in dieser Gesellschaft an einem Punkt angekommen, wo es an der Zeit ist, das auch wirklich laut zu sagen.

Otti:
Wo siehst Du überhaupt die Kernprobleme in der menschlichen Gesellschaft heutzutage?
Holly D:
Einsamkeit, ganz klar!
Einsamkeit durch fehlende Kommunikation, durch fehlende Offenheit der Menschen untereinander, dadurch daß viele ihr Leben lang Masken tragen, und auch kaum bereit sind, von sich selber viel preiszugeben. Ein ganz großes Problem sind heutzutage die Medien, ist generell der Konsum, der die Menschen davon ablenkt, ihr eigenes Leben überhaupt noch wahrzunehmen, und zu spüren, und zu leben, aktiv zu leben!
Das sieht man tagaus, tagein. Es ist schon verheerend wenn man durch unsere Innenstädte geht und sich die Leute anguckt, in was für leere, graue Gesichter man da teilweise schaut.
Die "Instanz" und ihre Fans, das ist schon teilweise eine Gemeinschaft von Leuten, die sich finden, und da auch einfach keinen Bock drauf haben.

Otti:
Man sagt ja manchmal, Rockmusik sei agressiv, vom Klang, von der Art her. Siehst Du euere Musik als agressiv an?
Holly D:
Nö!
Otti:
Nö?
Holly D:
Eine Zeit lang waren wir auch etwas agressiver, und es gibt auch auf dem neuen Album zwei Songs, die wirklich agressiv sind. Das sind "Worte brennen gut" und "Sie kommen!", aber das sind natürlich auch zwei sehr agressive Themen. Bei "Worte brennen gut" geht es um Manipulation, ein Stück weit auch um Faschismus. Faschismus muss ja auch nicht immer was mit dem dritten Reich zu tun haben. Es liegt ja auch eine Art Faschismus in der Manipulation, indem man eine solche Macht auf andere ausübt, daß sie ihren eigenen Willen komplett verlieren. Und "Sie kommen" dreht sich darum, daß jemandem einfach körperliche und seelische Gewalt angetan wird. Nicht durch Manipulation, sondern durch pure, rohe Gewalt.
Beide Lieder behandeln Themen, die viel mit Gewalt zu tun haben.
Das ist auch mit ein Grund, warum wir deutsch singen. Wir waren schon immer sehr bemüht darum, eine große Nähe zwischen textlichem Inhalt, Performance und musikalischem Ausdruck zu finden. Daß das, was der Sänger grad singt, musikalisch auch irgendwie passiert. Es gibt viele Beispiele auf dem Album. "Das Meer" etwa, da ist die musikalische Umsetzung ganz nah am Text dran.
Insofern, Rockmusik als pure Attitüde ist nicht unser Ding. Rockmusik als Transportmittel für Bilder, für Emotionen, um Texte zu unterstützen, und auch Texte, die die Musik unterstützen, das ist unser Weg, und da legen wir auch großen Wert drauf. Wenn man sich das Album näher anschaut, dann ist es... ich will schon fast sagen "ausgeklügelt". Wir haben uns viele Gedanken gemacht, so daß jetzt teilweise wortgenau Text und Musik übereinander passen. Da gehts auch gar nicht mal so um Sprachmelodie und Rhytmus, sondern ich meine das inhaltlich.

Otti:
Glaubst Du denn, daß Agression tief im Menschen verwurzelt ist? Oder sind es äußere Reize die das auslösen?
Holly D:
Ich denke, daß Agression durchaus auch im Menschen drin ist, natürlich. Jetzt wirds philosophisch... Da ist die Frage, was ist die Aufgabe des Menschen auf Erden? Meiner Meinung ist das schon, sein eigenes Ego in den Griff zu kriegen, und den Kontakt zu seiner Seele herzustellen und diese weiter zu bilden. Und gerade dieser Zwiespalt, in dem wir selber leben, unsere eigenen Dämonen zu überwinden, uns unserer eigenen Unzulänglichkeiten bewußt zu werden, und sie abzustellen, das ist schon ein Kampf. Das hat auch viel mit Agressionen sich selber gegenüber zu tun.
Wer nicht bereit ist, sich seinen eigenen Problemen zu stellen, wird diese immer auf die Außenwelt projezieren, und wird seine eigenen Probleme an seinem Umfeld ausleben. So entsteht Gewalt, so entsteht Agression. Insofern ist Agression ganz tief in jedem verwurzelt. Wenn das nicht der Fall wäre, wenn unser Leben nicht eigentlich ein permanenter Kampf gegen uns selber wäre, zum besseren hin unter Umständen, oder eben auch nicht, dann wären wir ja schon im "Paradies", oder wie auch immer man das bezeichnen will.
Ich glaube, es ist unsere Aufgabe auf Erden, eben diesen Zwiespalt, so gut es geht, zu überwinden.

Otti:
In einem Interview von 2003 betonst Du, das trotz der Tatsache, daß ihr stilistisch eigentlich kaum einzuordnen seid, die Treue der "Gruftis" euch dahin gebracht hat, wo ihr jetzt seid. Ist das heute noch so?
Holly D:
Nein... Das ist natürlich teilweise noch so, aber im Jahre 2003 hat sich das dann schon relativiert. Für das Album "Götter auf Abruf" haben wir, und da sehe ich das inzwischen so, daß das nicht ganz zu unrecht war, durchaus aus der Szene ganz schön auf die Fresse gekriegt. Mittlerweile kann ich das wirklich verstehen, weil bei einer Band wie uns gehts einfach um Vertrauen. Wenn jemand zu unseren Konzerten geht, und unsere Platten hört, dann will er sich einfach in einem geschützten Raum bewegen. Also wenn ich ne Band mag, und ich tu die CD von denen rein, dann hab ich natürlich schon eine gewisse Erwartungshaltung. Das heißt nicht, daß man sich nicht verändern darf, das heißt auch nicht, daß man nie neue Wege gehen darf. Aber trotzdem hab ich eine Erwartungshaltung an die Band. Und als wir angefangen haben, auf "Götter auf Abruf" zum Teil Hip Hop zu machen, sind in der Szene eine ganze Menge Leute abgesprungen und haben gesagt, jetzt wirds uns einfach zu blöd!
Das hab ich damals überhaupt nicht verstanden, mittlerweile verstehe ich es. Das ist dieses Ding, wenn man sich in seiner Szene, oder bei einer Band, einfach geborgen gefühlt. Und es ist nunmal so in der Gothic-Szene, da gibt es Leute, die hassen nichts mehr als Hip Hop. Das muß ich jetzt nicht gut finden, und das finde ich unter Umständen auch intolerant...Sowas ist ja an sich auch gar nicht notwendig, es gibt genug Musik auf dieser Welt, daß für alle Platz ist, und für alle was da ist. Aber ich kann verstehen, daß so jemand dann sagt: "Diese Band hat mich in diesem Moment einfach enttäuscht!" Ich glaube wir haben damals ne ganze Menge Fans verloren, aber ich glaube die kommen jetzt langsam zurück, weil wir jetzt langsam unseren Kern, kompositorisch und inhaltlich, wiedergefunden haben.
Otti:
Also würdest Du auch sagen, daß ihr euere Musik eben nicht nur für euch, sondern gerade auch fürs Publikum macht?
Holly D:
Ja! Wir machen die Musik natürlich primär für uns, wir sind unsere ersten und härtesten Rezipienten. Bis zu dem Moment, wo ne Platte erscheint, sind die Rezipienten bisher nur die Band gewesen, ein Produzent, und vielleicht noch ne Plattenfirma. Wobei die uns in unsere Musik eigentlich auch nicht rein reden. Also sind wir diejenigen die entscheiden: Was kommt auf die Platte, wie wird ein Song gespielt, wie wird er gemacht, ohne daß ein Fan ihn bisher gehört hat.
Aber in dem Moment wo wir die CD loslassen, spielen die Fans natürlich eine große Rolle. Und wir haben bei "Götter auf Abruf" gelernt, daß man als Band eben auch nicht alles machen sollte. Weil man, wie gesagt, auch ein Stück weit ne Verantwortung für die Fans hat. Klar könnten wir auch Jazz spielen, oder sonstwas. Aber "Letzte Instanz" ist ein musikalisches Projekt, bei dem die Fans wissen was sie kaufen und hören, und wenn man das zu sehr verändert, wird man diese Fans zurecht verlieren. Und das sollte man einfach akzeptieren.
Insofern machen wir "Letzte Instanz" nen Stück weit für uns, aber in einem Rahmen den wir uns selber eigentlich vorgegeben haben, um eben auch bei unseren Fans zu bleiben.
Otti:
Dafür gibt es ja eben bei vielen Bands auch Seitenprojekte.
Holly D:
Ja, gibt es bei uns ja genauso. Der Oli, unser Gitarrist, hat noch sein Nu Metal/Jazz/Harcore-Projekt, wo er halt so seine ganzen kranken Fantasien ausleben kann... Doch, da hat halt so jeder noch seine Projekte, klar!

Otti:
Kommen wir mal zu was ganz anderem. Ich hab euch ja jetzt auch ein paar Mal live gesehen, und da stehen dann 7 gutaussehende Männer auf der Bühne, das riecht ja förmlich nach Groupies, Sex, und liebestollen Verehrerinnen. Habt ihr Probleme mit regelrechten Stalkern?
Holly D:
Nee... Nee, ich glaub nicht. Das gabs mal, ganz am Anfang, eine uralte Geschichte, aber nicht in dem Umfang wie man sich das vorstellt. Es ist zwar unter Umständen manchmal anstrengend, da wir ja eine relativ große Fannähe haben. Also wir sind auch nach Konzerten schon eine halbe Stunde für die Fans auch alle da, und sind auch selber aktiv im "Letzte Instanz"-Forum unterwegs, und beantworten dort Fragen, klar. Wenn das zu anstrengend wird, muss man unter Umständen auch mal laut werden und sagen, es ist gut jetzt, hier ist ne Grenze, und über die wird nicht gegangen. Aber das funktioniert eigentlich, ich denke wir haben ganz vernünftige Fans.


"Wenn jemand zu unseren Konzerten geht, und unsere Platten hört, dann will er sich einfach in einem geschützten Raum bewegen."

Otti:
Auf der anderen Seite könnte man sagen, ihr seid sowas wie eine Boygroup, die tatsächlich musikalisch und intellektuell was auf dem Kasten hat. Wann ist es endlich soweit, daß Bands wie ihr, und andere gute Bands, die musikalische Vorherrschaft in den Charts übernehmen?
Holly D:
Das ist ne gute Frage, ich hab keine Ahnung! Wir überlegen ja auch schon, wie wir das hinkriegen, hehe. Nee, ich weiß es einfach nicht, vielleicht kommt der Tag. Ich mein, "Schandmaul" sind da schon ganz schön weit gekommen. So schlecht waren wir mit unseren letzten beiden Alben auch nicht, die waren beide knapp vor Platz 50, einmal 53, einmal 61, also ein bisserl dran kratzen tun wir ja schon. Das Problem ist einfach, und da sind wir wieder bei dem Thema von vorhin, die Menschheit läßt sich einfach, gerade hier im tollen, entwickelten Industrie-Kapitalismus in Mitteleuropa, so fernsteuern und fernbestimmen, da spielen die Medien eine extrem große Rolle. Wenn man die Medienpräsenz halt nicht hat, weil man auch nicht unbedingt bereit ist, die entsprechenden Kompromisse dafür einzugehen, dann hat man diese Position halt nicht.
Aber was gut ist, setzt sich bei den Leuten unter Umständen trotzdem irgendwann mal durch. Also in den USA sind zum Beispiel "Tool" oder "Perfect Circle" ein guter Beweis dafür, daß eine Band, die anspruchsvolle Musik macht, und diese starke Medienunterstützung von Anfang an eben doch nicht hat, sich trotzdem durchsetzen kann. Sicher, in den USA ist ein viel größerer Musikmarkt, aber ich denke das funktioniert so ähnlich bestimmt auch in Deutschland.
Manchmal glaube ich, wir müssen einfach ein bißchen geduldig sein.
Otti:
Aber Du würdest das schon als erstrebenswert ansehen.
Holly D:
Natürlich! Ich mach wahnsinnig gerne Musik, ich mach vor allem auch gerne mit dieser Band Musik, aber es wäre auch schön, wenn ich mir nicht zwischendurch immer wieder überlegen müsste, wie ich mir Termine freischaufel, weil ich noch arbeiten gehen muß, und dies und das machen muß. Es wäre schon schön, einfach von der Musik leben zu können. Insofern wäre mehr Erfolg einfach erstrebenswert, um solider und kontinuierlicher arbeiten zu können.

Otti:
Was mir aufgefallen ist: Ihr habt auch recht viele Coversongs und arbeitet auch gerne mit Gastmusikern.
Holly D:
Naja, also Coverversionen haben wir nicht soviele. Wir haben auf "Das Spiel" mal "Love is a shield" von "Camouflage" gemacht, ganz am Anfang. Und jetzt mit "Wir sind Allein" diese Inchties-Coverversion. Aber da weiß ich gar nicht ob ich das ein Cover nennen würde, weil wir haben im Grunde genommen nur den Refrain von dem Song genommen, dazu einen komplett neuen Text gemacht, und das komplett umgeschmissen. Das ist mehr so ein Kniefall vor den Inchtaboktables als eine Band.. jetzt sind wir wieder bei diesem Begriff "Mittelalter-Rock", aber irgendwie gibts keinen anderen Begriff für dieses Genre ;)... also die diese Schublade, "Bands spielen mit alten Instrumenten", entscheidend geprägt haben, und dafür unheimlich wichtig waren. Das waren so die "Gründungs-Väter" dieser Szene. Wir fanden es wichtig, daß die nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb haben wir gesagt, wenn wir schon einen Song Covern, dann einen von den Itchies.
Otti:
Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte, wie wichtig ist allgemein die Auseinandersetzung mit anderen Bands für euch?
Holly D:
Naja, was heißt wichtig? Ich glaube, überlebenswichtig ist es auf keinen Fall, aber es mach halt auch Spaß. Man trifft auf Festivals immer wieder Bands, und natürlich auch immer wieder die gleichen Bands. Da entstehen Kontakte, und dann hat man sicher auch mal Bock zusammen zu arbeiten. Man fragt auch mal, wie die anderen bestimmte Sachen machen, berät sich gegenseitig. Und gerade auch mit "Schandmaul" ist da ne tiefe Freundschaft entstanden. Da gibt man sich dann auch mal Tipps, oder fragt, wie habt ihr denn das organisiert, oder wie kommt man an die Merchandize-Artikel dran, sowas halt.
Und musikalische Zusammenarbeit entsteht dann eben auch aus sowas. Da steht man dann zum Beispiel Backstage zusammen auf ein Bier, quatscht ein bisserl, und zum Abschied sagt man dann: "Mensch, wir müssen mal zusammen was machen!" Und dann macht man das.

Otti:
Kommen wir nochmal zu den etwas philosophischeren Themen! Was bedeuten die Begriffe "Liebe" und Freundschaft" für dich?
Holly D:
"Liebe" und "Freundschaft". Hui, jetzt willste es aber wirklich wissen!
Otti:
Naja, wenn schon denn schon. ;)
Holly D:
Ich glaube, daß Liebe und Freundschaft sehr nah beieinander sind. In der heutigen Gesellschaft ist es ein Problem, daß kaum einer versteht, daß Sexualität zum Beispiel nicht unbedingt was mit Liebe zu tun haben muss. Das wiederum sind zwei unterschiedliche Themen eigentlich. Meiner Meinung nach sind diese Gefühle der Schlüssel zu allem. Das klingt zwar völlig banal, aber es ist einfach so! Daß man alle Dinge liebt und nie jemandem wehtut.
Das größte Problem ist, daß viele Menschen sich selbst einfach nicht lieben können, und jetzt sind wir wieder bei der Projektion auf die Außenwelt. Ich glaube, daß Liebe und Freundschaft zentrale Themen sind, die wir in unseren Texten, auch gerade auf Wir sind Gold, ansprechen. Wir sind Gold meint ja gerade diesen Oberbegriff, mit dem wir in Deutschland auch ein großes Problem haben. Wenn wir Deutschen "Wir" sagen, meinen wir immer "Wir, aber die anderen nicht!" Wir benutzen diesen "Wir"-Begriff in Deutschland sehr ausgrenzend. Das Album beginnt ja auch mit dem Song "Du und ich", das ist die kleinste Zelle von "Wir", da geht es um eine Art Seelengemeinschaft. Und "Gold" ist halt der Respekt, der Lotus, die Knospe. Also das Wertvolle, was eigentlich in jedem drin ist. Und der Schlüssel dazu ist Liebe und Freundschaft. Darum gehts eben auch in sehr vielen Songs auf dem Album. Ob es nun "Komm nie zurück" ist, oder "Wir sind allein", das Thema steckt immer wieder drin.
Das Problem ist halt nur, die Begriffe klingen im deutschen halt so schwer, unwahr, so unehrlich. Wenn eine Band auf Englisch von "Love" singt, dann weiß halt jeder, daß das völlig okay ist, und was gemeint ist. Wenn ich im Deutschen von Liebe singe, dann bin ich ein Schlager-Sänger. Mit der deutschen Sprache so umzugehen, daß man ernst genommen wird, wenn man sich öffnet und berührt, das ist halt nicht einfach.
Otti:
Dadurch bin ich ja auch auf die Frage gekommen, weil ich dieses "Gold" eben auch mit diesen Begriffen interpretieren würde.
Holly D:
Ja. Ich meine, wir hätten das Album auch "Liebe ist er Schlüssel zu allen Dingen" nennen können, aber dann hätte es niemand gekauft.
Otti:
Na, vielleicht die Schlagerfans.
Holly D:
Es ist eben auch schwer, sprachliche Bilder für die einfachen Dinge des Lebens zu finden.Die klingen manchmal einfach so banal, daß keiner mehr zuhört. Deswegen muss man da ein wenig kreativ sein.

Otti:
Gut, kommen wir so langsam auch mal zum Ende...
Holly D:
Das ist gut, ich hab auch noch ne Verabredung zum Bier!
Otti:
... eine Frage hab ich aber noch. Und zwar: Stell dir vor, eine wunderschöne Vampirfrau würde vor dir stehen, und dich vor die Wahl stellen, entweder sie tötet dich, oder sie schenkt dir ein ewiges Leben als Vampir, mit allen Konsequenzen, was würdest Du tun?
Holly D:
Ähm... Ich würde wahrscheinlich das Fernsehprogramm umschalten!
Nee, das ist ne gute Frage... ich würd mich wahrscheinlich töten lassen. Weil ich glaube fest an Wiedergeburt.
Otti:
Das ist doch ne klare Aussage!
Holly D:
Also insofern hätte ich wohl noch nichtmal ein Problem damit.
Ich kenn ja auch die ganzen Hintergründe dieser Geschichten und Legenden, ich hab mich damit auch schon ein bisserl beschäftigt. Und da gehts ja auch um diese Dinge, man sagt da auch "Schwarze Magie" dazu, solche Begriffe mag ich eigentlich gar nicht, aber es gibt ja sehr wohl Möglichkeiten, aus gewissen Lebenskreisläufen auszuscheren, aber eben zu einem sehr hohen Preis, und da bin ich nicht der Typ zu. Mit solchen Sachen muss ich nicht spielen, Dinge zu tun, nur weil sie möglich sind, hat mich noch nie gereizt. War das jetzt konkret genug? ;)
Otti:
Das war sehr konkret. Dann wünsche ich dir noch viel Spaß beim Biertrinken!

Art des Interviews: Telefon
16.04.2007 by Otti

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