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Interview (Musik)Blättern: Vorheriger Artikel | Nächster Artikel

Lacrimosa

Jeder Mensch hat gewisse Punkte im Leben, in denen sich entscheidende Schritte und Veränderungen begeben. Oft werden diese Momente begleitet von gewissen Bands, wie eine Art Soundtrack. Wenn ich so zurückblicke, dann ist Lacrimosa ein prägender Teil meines Lebenssoundtracks, hat mich begleitet durch viele Höhen, und vor allem in den tiefsten seelischen Abgründen aufgefangen. Und nicht zuletzt war die Musik von Tilo Wolf der Ursprung meiner Selbstfindung. Anders ausgedrückt: Ohne Lacrimosa gäbe es Nightshade nicht, und vielleicht auch mich schon gar nicht mehr... zumindest nicht in der Form, wie ich heute bin.
Vor diesem Hintergrund ist es mir eine Ehre, euch ein Gespräch zu präsentieren, welches mir persönlich sehr viel bedeutet. Vielen Dank, Tilo!

Otti:
In Kürze erscheint euere DVD "Lichtjahre", die so eine Art Tourtagebuch darstellt. Ihr habt auch mit Lacrimosa immer wieder die audiovisuellen Medien genutzt, um die Fans zu beglücken.Was sind in deinen Augen die Highlights des neuesten Werkes?
Tilo:
Ein Highlight ist vor allem in der Sache selbst gewesen, daß es sich eben um eine Tourdokumentation handelt, die nicht nur ein Konzert wiederspiegelt, sondern viele verschiedene Konzerte, in verschiedenen Ländern, auf verschiedenen Kontinenten. Plus Bilder aus dem Backstage, von Sightseeing-Touren, von Reisen, von Autogrammstunden und so weiter. Also allem was hinter der Bühne passiert, während so einer Tour. Es ist eine Dokumentation die das gesamte Tourleben zeigt, und das ist etwas, was es in der Form noch selten, und in dieser Ausgedehntheit bisher überhaupt nie gab, daß eine Band in anderthalb Jahren die ganze Welttournee mitgefilmt hat.

Otti:
Die DVD wird ja auch an diesem Wochenende auf dem WGT vorgestellt.
Tilo:
Dort wird nicht die DVD vorgestellt, sondern 90 Minuten des Films. Der Film der auf der DVD sein wird, wird insgesamt 3 Stunden dauern, und wird auch einige Bilder von der Premiere selbst beinhalten. Sprich: Am Ende wird das Kamerateam ein letztes Mal für diesen Film vor Ort sein, mitschneiden, und dann werden wir die Premiere als Film im Film mit einbauen. Die DVD wird über dies hinaus natürlich auch noch 90 Minuten Bonusmaterial haben.
Otti:
Hehe, worauf ich eigentlich hinaus wollte, ihr seid ja schon einige Male auf dem Wave-Gotik-Treffen aufgetreten und habt dort tolle Live-Konzerte gegeben, von denen ich auch zwei selbst miterleben durfte. Welche Bedeutung hat das WGT für dich, und wie wichtig ist es für die schwarze Szene?
Tilo:
Für diese Szene ist es wohl das wichtigste Event überhaupt, soweit ich weiß ist es das größte Gothic-Event der Welt. Ich weiß auf jeden Fall von vielen Leuten, aus weit entfernten Ländern, teilweise sogar aus Australien, reisen Menschen an, um das WGT zu besuchen. Also es hat schon ne ziemliche Bedeutung.
Otti:
Und für dich? Ist das nur ein Konzert dann, oder ist das auch was Besonderes?
Tilo:
Für mich persönlich hat es natürlich eine spezielle Bedeutung, weil ich 1993 zum ersten Mal auf dem WGT gespielt hab... also viele die heute zum WGT fahren waren damals noch gar nicht auf der Welt, hehe... Und demzufolge bin ich natürlich dem WGT sehr verbunden, weil ich das seit Anbeginn kenne. Der Michael Brunner, der das damals ins Leben gerufen hat, hatte mich auch eigentlich zum allerersten WGT eingeladen, nur wollte ich damals noch keine Live-Vorstellung machen, sondern erst nach Veröffentlichung meiner ersten Platte. Kurz später hat er mich dann doch überreden können, und es war eines der ersten Konzerte die ich gegeben habe.


"In erster Linie muss ich sagen, gehe ich auf die Bühne, weil ich diesen Moment erleben will, diese Musik voll und ganz zu spüren.

Otti:
Im Grunde wart ihr ja auch Vorreiter in der Verbindung von Gothic und Metal, kann man sagen, habt aber auch einige Fans damals verschreckt. Diese Verschmelzung der Subkulturen hat sich schon sehr weit entwickelt, und trotzdem gibt es da immernoch Menschen, die unbedingt klare Schubladen beibehalten wollen. Wie kann es eigentlich sein, daß gerade in diesen Szenen, wo soviel von Toleranz geredet wird, solch eine Engstirnigkeit so weit verbreitet ist?
Tilo:
Das Problem ist natürlich, eine Szene definiert sich immer durch ihre gewissermaßen vorhandene Engstirnigkeit, sprich: Durch ihre Regeln. Außerdem ist diese Engstirnigkeit auch gewissermaßen verständlich. Viele schreien immer "Mein Gott, wir sollen doch so tolerant sein!" Aber diese Toleranz muß auch immer irgendwo ihre Grenzen haben, wenn man die Szene begrenzen will.
Ein kurzes Beispiel: Ich hatte mal vor vielen Jahren einen guten Freund, der eigentlich auch recht tief in der schwarzen Szene drin war. Und der kam dann aber eines Tages mit einer einfachen schwarzen Jeans zu mir an. Der hat ca ne halbe Stunde von mir weg gewohnt, aber da hab ich ihn zurück geschickt, hab ihm gesagt er soll sich umziehen, weil ich keine Jeans bei mir Zuhause dulde. Obwohl sie schwarz war.
Also ich hab das auch sehr eng gesehen, und war da relativ wenig tolerant. Im nachhinein bin ich natürlich der Meinung, das war ziemlich gemein. ;)
Aber, das war damals so meine Einstellung. Insofern kann ich das also verstehen, wenn diese Menschen sagen: Das sind halt meine Regeln, ich beweg mich in einer Szene mit Regeln, und die sollte man einhalten.
Auf der anderen Seite muß man natürlich auch sagen, wir alle sind Menschen, und keine Computer, die nicht in der Lage sind, sich aus einer Regel herauszudenken, respektive mal einen anderen Gesichtspunkt anzunehmen, etwas von einer anderen Warte aus betrachten zu können. Und das darf man selbstverständlich bei alle dem nicht vergessen.
Ich denke, der richtige Weg ist, wenn man für sich persönlich seinen Werten treu bleibt, aber niemandem etwas vordoktoriert, was man selbst für richtig befindet. Und das betrifft auch wiederum, um auf deine Frage ganz konkret zurückzukommen, die Toleranz gegenüber Musikern oder Bands.
Ganz klar haben wir dort Regeln gebrochen, als wir angefangen haben, unsere Musik mit Metal zu verbinden. Ich erinnere mich noch daran, daß sich damals viele DJs komplett geweigert haben, die "Schakal" zu spielen. Die Metal-DJs haben gesagt, das sei Gothic, und die Gothic-DJs sagten es sei Metal, aber keiner konnte sich vorstellen, daß es irgendwas dazwischen geben kann, weil da eben auch noch mehr in Schubladen gedacht wurde.
Von dem her ist es natürlich Verständlich, wenn einige Menschen sagen, das gehört in keine Szene rein. Auf der anderen Seite, nur wenn man innovativ ist, kann man etwas neues entstehen lassen. So ist eben ne neue Szene entstanden. Die Gothic-Szene ist ja schließlich auch eine Abspaltung und Erweiterung der Punkszene gewesen, also muß der Gothic schon von sich heraus sagen, hätte es damals nicht tolerante Menschen gegeben, dann gäbs diese Szene überhaupt nicht.
Otti:
Eben. Was ich ja schon nicht verstehen kann ist, ich kenn Gothics die sagen: Ich hasse Punk, ich kann das nicht leiden. Und damit im Endeffekt schon ihre Wurzeln verweigern.
Tilo:
Absolut! Wobei es ist natürlich auch so ein tragisches Ding heutzutage, daß die meisten "Gothics" heute gar nicht mehr wissen, was Gothic überhaupt ist.

Otti:
Wohl wahr!
In deinem Tourtagebuch zur China-Tournee schreibst Du, daß die Seelen der Menschen überall im gleichen Takt der Musik schwingen. Von vielen anderen Künstlern habe ich bereits gehört, daß sie in fernen Ländern frenetisch gefeiert wurden und die Leute gar auf Deutsch mitsangen. Welche Macht, und welche Wichtigkeit, hat die Sprache der Musik für die Menschheit?
Tilo:
Ich denke mal, daß die Sprache der Musik tatsächlich, wie es ja auch oft gesagt wird, international ist. Nicht alle Grenzen überschreitend, aber doch überschreitet sie sehr viele Grenzen, weil sie eben doch Emotionen transportiert, die viele Menschen aufnehmen können. Mich hat es sehr überrascht, daß wir jetzt auch in China waren, dort spielen konnten, und dort so einen Anklang hatten, da das natürlich schon eine andere Musikkultur auch wieder ist. Wir haben dort auch viel Musik geschenkt bekommen, traditionelle chinesische Musik, wo ich sagen muß, das ist ne ganz andere Welt, die ich persönlich nicht nachvollziehen kann. Die zwar schön ist, aber es ist eben nicht meine Welt.
Und es ist natürlich schon erstaunlich, wenn dann Menschen aus ganz anderen Kulturen sich durch die Musik angesprochen fühlen, auch wenn diese Musik von einem ganz anderen musikalischen Background her geprägt ist. Das macht dann anscheinend auch die Worte insofern überflüssig, daß man sie nicht direkt verstehen muß, wenn dann Bilder durch die Musik auch ausgedrückt werden, wenn die Musik entssprechend nah am Text ist.
Es gibt natürlich auch viele Bands, da schreibt der eine den Text, der andere die Musik, und beides hat nichts miteinander zu tun.

Otti:
Ja, aber wenn man so wie Du schon fast überall auf der Welt gespielt hat, gibt es dann live überhaupt noch was zu erreichen?
Tilo:
Jedes Konzert ist eigentlich wieder eine Herausforderung. Man weiß ja nie, wenn man auf dieBbühne geht, was einen erwartet. Das Publikum ist immer sehr anders, selbst in Ländern, in denen man schon oft gespielt hat, kann man trotzdem mal positiv, mal negativ überrascht werden.
Es ist ja so, man kommt auf die bBhne, und man strahlt irgendetwas aus. Irgendwas nimmt das Publikum von einem an. Entweder man kann viel annehmen, und auch viel zurückgeben, oder das klappt nicht, aber das kann man selbst nicht wirklich entscheiden. Manchmal geht man auf die Bühne und ist in sich selbst so eingekerkert, daß man keine Verbindung zum Publikum findet. Hinterher fragt man sich dann, was da grad passiert ist. Und genau das Gleiche kann eben auch andersherum, im Positiven, geschehen. Demzufolge ist wirklich jedes Konzert etwas ganz Besonderes.
Natürlich freue ich mich wenn ich in exotischen Ländern spielen kann, aber in erster Linie muss ich sagen, gehe ich auf die Bühne, weil ich diesen Moment erleben will, diese Musik voll und ganz zu spüren. Wobei mir natürlich das Publikum helfen muss. Das ist ein unfassbares Erlebnis, was ich nicht missen möchte, was man nicht aufwiegen kann. Und im Endeffekt ist es da egal, ob das nun in Hintertupfingen stattfindet, oder in Shanghai, weil dieser Moment ist nicht an einen Ort gebunden, sondern dieser Moment ist an das Gefühl gebunden, was dabei entfacht wird.
Otti:
Okay, das heißt dann aber auch, daß Du noch ein paar Jährchen weitermachen wirst.
Tilo:
Das hoffe ich doch!

Otti:
Was mich an Lacrimosa am meisten fasziniert, sind die Emotionen, die euere Musik in Menschen auslösen kann, zum Beispiel auch in mir. Wieso meinst Du, kann ein einzelnes Lied einen Menschen so dermaßen erfassen, daß dieser vollkommen zusammenbricht?
Tilo:
Tja, wenn ich das wüsste, dann würde ich wahrscheinlich keine Musik mehr machen, weil dann das Mysterium für mich kein Mysterium mehr wäre, und daher keine Herausforderung und keine Spannung mehr für mich darstellen würde. Das Spannende ist für mich ist ja genau dieses Unfassbare. Warum kann Musik einen so dermaßen erfassen? Warum kann es sein, daß ich mich ans Klavier setze, und zwei Minuten später bin ich in einer anderen Welt? Das ist ein Mysterium, diese Musik... Naja sie gehört zur Schöpfung wohl genauso wie der Mensch, und ist von daher wohl auch das, was den Menschen am intensivsten berühren kann.
Musik ist wohl das Einzige, was alle inneren Barrieren und Mauern brechen kann, und eben ganz tief in die Seele dringt. Etwas, was nichts anderes, materielles oder nicht-materielles in der Welt sonst schafft. Die Frage warum und wieso das so ist, die will ich dir gar nicht beantworten, weil wenn ich es könnte, dann würde es für mich keine Suche mehr geben.

Otti:
Okay. Einer der bekanntesten Songs von Lacrimosa ist natürlich "Alles Lüge". Welchen Stellenwert hat Ehrlichkeit für dich, und warum lassen sich so viele Menschen so gerne belügen?
Tilo:
Also erstmal zum Thema Ehrlichkeit, das ist natürlich das höchste Gut. Ohne Ehrlichkeit gibt es aus meiner Sicht nichts. Wenn ein Mensch sagt "Ich liebe dich", und ich weiß nicht ob das ehrlich ist, dann ist dieser Satz ohne Bedeutung. Und das betrifft auch alles rundherum. In dem Moment wo er nicht ehrlich zu mir ist, kann ich den Menschen ja gar nicht erfassen, weil ich ihn nicht kenn, weil er mir ja nicht sein wahres Gesicht zeigt. Dann existiert er für mich gar nicht. Nicht weil er mir egal ist, sondern er ist nicht existent, weil er sich mir nicht zeigt, also kann ich ihn nicht wahrnehmen.
Von daher ist Ehrlichkeit das A und O.
Und warum manche Menschen sich so gerne belügen lassen? Ich denke, daß viele Leute eine große Angst vor dem haben, was man Wahrheit nennt. Eine endgültige Wahrheit gibt es natürlich nicht. Aber es gibt eine Sichtweise Dinge wahrzunehmen, wie Menschen denken, und wie sie das äußern oder mitteilen. Das ist dann natürlich auch gewissen Entwicklungen unterlegen, sowie persönlichen, wie auch von außen herangetragene Erfahrungen, und ist ein weiterer Faktor.
Es gibt soviele Faktoren, die die sogenannte Wahrheit wieder verklären oder zur Unwahrheit werden lassen können.
Um zurückzukommen auf den Punkt: Es gibt viele Menschen die glauben, Angst haben zu müssen, vor dem was jemand anderes zu ihnen sagt, wenn das eben nicht positiv ist, wenn es sie nicht in dem, was sie tun, oder was sie sind, bestärkt. Und deshalb lassen sich manche Menschen, oder auch ganze Kulturen zum Beispiel, belügen. Wenn ich mir die Umgangsformen der nordamerikanischen Welt anschaue zum Beispiel, wo das Belügen, das Unaufrichtigsein normal geworden ist, dann zeigt es schon sehr klar, daß der Mensch versucht sich abzusichern, und immer ein gutes Gefühl braucht. Ein Gefühl welches er auch nicht großartiges Hinterfragen möchte, denn das scheint ihn zu pushen, es scheint ihn zu motivieren und die einzige Möglichkeit für ihn zu sein, überhaupt nur einen Schritt vorwärts zu kommen. Das sagt natürlich sehr viel über diese Gesellschaft aus, und über den Menschen an sich.
Ich bin aber der festen Überzeugung, wäre die Gesellschaft anders geprägt wäre, dann könnte der Mensch mit so genannten Wahrheiten auch umgehen. Das ist im Prinzip ne Sache die man lernen kann und muß. Man kann das teilweise auch bei Menschen feststellen, die aus Familien stammen, in denen es eine große Herzlichkeit und Offenheit gibt. Die gehen mit Wahrheiten ganz anders um, reden auch ehrlicher, als ein ein Großteil der Menschen. Daran merkt man, daß wenn man Menschen von Kindesbeinen an in die richtigen Bahnen lenkt, und richtig mit ihnen umgeht, und sie auch richtig fördert, dann lernen sie auch mit der Wahrheit entsprechend umzugehen.

Otti:
Kommen wir mal zu einem etwas anderem. Kaum eine Band spaltet das Publikum so sehr wie Lacrimosa. Von den einen geliebt und vergöttert, geht die Häme von Bezeichnungen wie "Lackier mich rosa" bis hin zu "Kiddie-Band". Ich habe es selber schon ein paar mal erlebt, daß es Leuten peinlich war zuzugeben, daß sie euere Musik hören. Ist dir das bewußt? Und was würdest Du dazu gerne mal sagen?
Tilo:
Klar ist mir das bewußt. Es ist natürlich interessant, weil Lacrimosa zeichnet sich durch die Gefühle aus. Das ist ja das was wir in der Frage davor hatten, die Menschen können sich dem oftmals nicht stellen, haben nicht den Mut zuzugeben, daß sie emotional berührt sind und was empfunden haben, sich das auch gar nicht erklären können. Das verunsichert sie, und deswegen fangen sie an, das abzulehnen. Und daher kommt sicher auch teilweise das große Hasspotential gegen Lacrimosa, daß sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Sei es nun Lacrimosa, oder andere Dinge, die sie berühren.
Das zeigt einerseits eine emotionale Verkrüppelung, und andererseits auch eine gewisse Feigheit, weil sie das ganz offensichtlich nicht erlernen wollen. Sie gehen der Liebe aus dem Weg, oder mit Aggressivität dem begegnen, anstatt an sich selbst mal zu arbeiten, und nach dem "Warum und Wieso?" zu fragen. Sie schaffen es einfach nicht, mit ihren eigenen gefühlen ins reine zu kommen.

Otti:
Ein Song, der mich schon vor Jahren bereits beeindruckt hat, ist "Der Ketzer". Johannes Paul, II. ist jetzt tot, und wir haben den Popstar Benedikt. Würdest Du diesen Song in ähnlicher Form auch noch schreiben? Und wie sieht ein gereifter Tilo Wolf die Kirche und den Papst jetzt?
Tilo:
Ich war vor ein paar Jahren, da hat Johannes Paul noch so ein bißchen gelebt, im Vatikan... Die letzten Jahre dachte ich schon, es sei ein bißchen blöd, daß ich diesen Song geschrieben hab, weil der ist schon recht emotional, und ich dachte vielleicht liege ich ja auch falsch. Dann war ich im Vatikan, und als ich da so rumgelaufen bin wurde mir bewußt, es war eine super Entscheidung damals dieses Lied zu schreiben. Es ist tatsächlich eine ganz furchtbare Art und Weise, wie die katholische Kirche mit der Bibel, mit dem Glauben, mit dem wasJesus in die Welt gebracht hat, umgeht. Ein Beispiel: Auf dem Dach vom Petersdom gibt es einen Merchandizing Shop. Das finde ich allein schon großartig! Ein Shop, in dem Gottes Merchandize verkauft wird, grotesker geht es kaum noch. Und da war eine Nonne mit einem Ohrring-Verkaufsstand, und ich wollte mir eben einen Kreuz-Ohrring kaufen, weil ich die ja sammel. Der den ich wollte lag in der Auslage, und da schnauzt die mich an: "Nee den gibts nicht mehr." Da meinte ich: "Ja, dann hätte ich gerne den aus der Auslage." Hab den also rausgenommen und ihr gegeben. Da schnauzt sie mich an, ich solle den sofort zurücklegen und so weiter, ultrafrech. Das fand ich unglaublich! Ich war schon ne ganze Weile in Rom, und die ganzen Leute waren wahnsinnig freundlich. Dann komme ich in den Vatikan, will Gottes Merchandize kaufen, und werde dermaßen angemeckert. Ich fand das so typisch für die Art und Weise, wie dort mit dem umgegangen wird, was eigentlich was sehr schönes, was sehr heiliges ist.
Und auch wenn man in den Petersdom rein geht... Ich meine, die ganzen Marmorskulpturen, die dort rumstehen, die haben sicherlich keine Bischöfe gehauen, sondern irgendwelche Sklaven, die da ausgepeitscht wurden. Was da so rumsteht ist unfassbar, was für ein Prunk und eine Pracht, da fragt man sich doch, auf wessen Schultern das aufgebaut wurde.
Um das abzukürzen: Es ist schon mies, wie die katholische Kirche dort im Namen Gottes Dinge tut, die mit Gott nix zu tun haben und damit auch ein Gebot bricht. Ich bin grad nicht sicher, aber ich glaube es ist das 5. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn nicht mißbrauchen, und das tun die permanent.
Demzufolge hat sich das natürlich auch nicht geändert mit Benedikt, der übrigens damals schon die meisten Reden für Johannes Paul geschrieben hat, und im Prinzip auch die Richtung der Leere vorgegeben hat, der Johannes Paul in den letzten Jahren gefolgt ist. Also ist es damals wie heute, eins zu eins das Gleiche.
Daß die Medien aus ihm einen Popstar machen ist mal wieder typisch, daß es mal wieder um ganz andere Dinge geht als um die Inhalte. Denn was Benedikt für Inhalte transportiert, darüber wissen wahrscheinlich die wenigsten Bescheid. Und daß das teilweise genauso menschenverachtend ist, wie es schon immer war, kümmert komischerweise niemanden. Das ist schon sehr ambivalent, daß der zu einem Popstar hochstilisiert wird.
Also es ist nach wie vor so, daß ich mit der katholischen Kirche nicht einher gehe, da sie einfach viele Dinge aus der Bibel herausgenommen haben, respektive nicht mehr so lehren, wie es eigentlich Kernpunkte sind. Die Offenbarung haben sie abgeändert, den Kern dessen was Jesus gelebt hat, seine Lehre, die Niederkunft, und den Aufbau eines neuen Reiches. All diese Dinge, die nicht so populär sind und nur schwer zu vermitteln, haben sie einfach mal so rausgestrichen. Also im Prinzip die Lehre Jesu sehr vermenschlicht, Habgier und Klassenkampf da mit reingebracht. Das alles sind Dinge, die ich nach wie vor nicht gutheissen kann, und nach wie vor sagen muß: "Der Ketzer" war richtig!

Otti:
Das klingt jetzt im Prinzip schon so, als wärst du etwas christlich-religiös angehaucht, oder sehe ich das jetzt falsch?
Tilo:
Ja auf jeden Fall! Ich glaube an Gott, und auch an die Kirche. Im Prinzip ist das ja teilweise auch in meiner Musik zu hören. Zwar bin ich jetzt nicht jemand der missioniert, weder in die eine, noch in die andere Richtung, weil sowas finde ich nicht sonderlich sinnvoll. Dennoch spürt man natürlich auch das Gedankengut, und was mich in meiner Seele berührt. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, wenn ich diesen Glauben nicht hätte, würde ich wahrscheinlich auch diese Musik nicht machen. Die Verbundenheit mit der emotionalen Seite, all das hab ich im Prinzip durch den Glauben gelernt.

Otti:
Was sind für dich die drei wichtigsten Künstler der heutigen Zeit, und wieso?
Tilo:
Ähm... Gute Frage. Die wichtigsten Künstler dieser Zeit. Um ehrlich zu sein, ich wüßte nicht, ob ich auch nur einen grad nennen könnte, der für die heutige Zeit meiner Meinung nach besonders wichtig wäre, da es momentan eigentlich niemanden so wirklich gibt, der die Kunst in irgendeiner Form besonders weiterbringt. Was allerdings auch ein bißchen daran liegt, daß es dazu kaum noch Möglichkeiten gibt. Sei es nun in der Literatur oder der Musikwelt. Die Musikbranche ist sowieso kurz vor ihrem Kollaps, da ist nicht mehr viel zu erwarten.
Aber es ist momentan eine schwierige Zeit für Kunst allgemein. Und wenn es Kunst gibt, die tatsächlich weltbewegend sein könnte, dann wird sie es aber nicht sein, weil sie nicht den kommerziellen Anspruch erfüllt.

Otti:
Du hast vorhin auch schon Nordamerika erwähnt, dazu habe ich auch noch eine Frage. Angenommen, Du würdest zu einer Privataudienz mit George W. Bush eingeladen werden. was würdest Du ihm unbedingt sagen wollen?
Tilo:
Ich würde fragen, ob er mit seinem Wahnsinn endlich aufhören würde, wenn sein Vater ihn mal in den Namen und ihm sagen würde: Ja Sohn, ich hab dich lieb, und ich bin stolz auf dich!
Denn ich glaube, alles was er tut, tut er aus einem fehlenden Selbstwertgefühl heraus, und um seinen Vater zu trumpfen und ihm zu beweisen: Ich kann auch was, und kann stolz auf mich sein. Wenn man sich mit der Familiengeschichte und dem Werdegang von Bush befasst, dann ist das eigentlich klar ersichtlich.


"Die Verbundenheit mit der emotionalen Seite, all das hab ich im Prinzip durch den Glauben gelernt."

Otti:
Und jetzt stell dir mal vor, ein etwa 13-jähriger Junge, der zuvor noch nie etwas mit Gothic oder Dark Wave zu tun hatte, bekommt von einem Freund die "Einsamkeit" geliehen, und hört sie die halbe Nacht in Dauerschleife. Was meinst Du wird aus diesem Menschen?
Tilo:
Das kommt ganz drauf an. Der Mensch ist sozusagen das Gefäß. Das was man reinfüllt, kann sich meist nur nach dem richten, wie das Gefäß beschaffen, und wie fest dieses Gefäß schon augebrannt ist, oder ob es noch formbar ist. Sicherlich ist sowas wie die "Einsamkeit" etwas, was nicht so schnell verdunstet, sondern eine Füllung die, sagen wir mal, ein bißchen schwer wiegt.
Es liegt dann auch an diesem Gefäß, ob es zerspringt, oder noch ein bißchen Formen lässt. Die "Einsamkeit" lässt sich auf jeden Fall nicht so schnell absorbieren.

Otti:
Ein kurzer Rückblick auf 17 Jahre Lacrimosa: Wie würdest Du diese Zeit in einem Satz beschreiben?
Tilo:
Ich bin sehr dankbar, daß ich Lacrimosa gefunden hab, was mir mein Leben gerettet hat.

Otti:
Und was ist der beste Witz, der dir spontan in den Sinn kommt?
Tilo:
Der beste Witz für mich und meine Umgebung ist, daß ich mir, Gott sei Dank, keine Witze merken kann. Weil wenn ich Witze erzähle, dann ist das erbärmlich langweilig.

Art des Interviews: Telefon
23.05.2007 by Otti

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